
Psychiatrisch erkrankte Menschen landen oft auf der Straße
Über eine Million Menschen waren hierzulande 2024 ohne festes Mietverhältnis. Laut Fachleuten leiden rund drei Viertel dieser obdachlosen Menschen an einer schweren psychischen Erkrankung. Das zerreißt ganze Familien.
„Es war eine furchtbare Zeit.“ Ruhig und leise spricht die Frau über das Leid ihrer Tochter, das auch zu ihrem eigenen geworden ist. „Wir haben am Anfang gar nicht bemerkt, was los war, waren damit überfordert“, beschreibt die Kölnerin den Beginn der Erkrankung ihres Kindes. „Erst als die Anzeichen immer stärker wurden, wurde klar, dass es ohne externe Hilfe nicht mehr geht.“
Externe Hilfe, das waren der sozialpsychiatrische Dienst, der eine psychiatrische Erkrankung feststellte, und Aufenthalte in Kliniken. Da das Verhalten der 24-Jährigen im akuten Krankheitsstadium für die Nachbarschaft eine Belastung darstellte, erteilte der Hausbesitzer ein Wohnverbot. „Wo sollte sie hin?“, fragten sich ihre besorgten Eltern nach der Entlassung aus dem Krankenhaus. Bis heute fanden sich immer nur Übergangslösungen; teilweise lebte die junge Frau auf einem Campingplatz. Denn in einer Großstadt wie Köln eine Wohnung zu finden, ist schon für gesunde Menschen inzwischen zu einer Art Lottogewinn geworden.
Das ist eine Geschichte von vielen, die Rolf Fischer von „Rat und Tat“ regelmäßig zu hören bekommt. So auch die eines Vaters, der seine erkrankte Tochter mitten in der Nacht in einer Obdachlosenunterkunft abholen musste: Sie hatte dort ein Zimmer zugewiesen bekommen, das sie sich mit einer anderen Frau teilte. In der Nacht kam dann der Freund der Zimmernachbarin, beide spritzen sich Heroin – eine unerträgliche Situation.
Angehörige unter Druck
„Dass Menschen mit einer Erkrankung gerade auch nach einer Entlassung aus dem Krankenhaus ihre Wohnung verloren haben, das ist ein Problem, das sehr oft von den Angehörigen angesprochen wird“, stellt Fischer fest. Seit vielen Jahren engagiert er sich ehrenamtlich als Berater im Selbsthilfevereins „Rat und Tat“, einer Kölner Hilfsgemeinschaft von Angehörigen psychisch Erkrankter, die inzwischen weit über die Grenzen der Domstadt hinaus in Anspruch genommen wird. Ständig sind er und die anderen Mitwirkenden mit Angehörigen konfrontiert, die sich um erkrankte Familienmitglieder sorgen.
„Eine Tatsache ist natürlich auch, dass dann diese erkrankten Menschen, wenn sie aus der Klinik gehen – oft noch nicht wirklich stabilisiert – natürlich erst mal wieder bei ihren Angehörigen aufschlagen, und diese sind dann wieder mit dem Problem konfrontiert“, so beschreibt er den Kummer des gesamten Umfeldes.
Psychose während des Studiums
Direkt betroffen von Obdachlosigkeit war Holger Schäfer. Bereits während seiner Studienzeit erkrankte er an einer Psychose, stabilisierte sich aber und konnte seine Ausbildung zum Lehrer beenden – bis er nach zwölf Jahren einen Rückfall erlitt: Zuvor hatte er in Süddeutschland an einer Privatschule in einer leitenden Position gearbeitet und führte ein wohlsituiertes Leben. Während der Krankheitsphase verursachte er in seiner Mietwohnung einen Wasserschaden.
Nach seiner Rückkehr aus einer Klinik in Berlin hatte der Sohn der Vermieterin sein Zuhause einfach leergeräumt; auch der Job war weg. „Innerhalb weniger Wochen hatte sich mein gesamtes bisheriges Leben in Luft aufgelöst“, erinnert sich Schäfer zurück. Die Verkettung von Erkrankung, Wohnungsverlust und all den Folgen brachten ihn buchstäblich auf die Parkbank: „Eine ehemalige Schülerin hatte mich dann dort getroffen, und ihre Mutter nahm mich auf, ich konnte erstmal in einer Garage wohnen.“
Solche Entwicklungen sind keine Seltenheit, stellt Stefan Gutwinski fest. Der Professor und Oberarzt an der Berliner Charité setzt sich schon lange gegen diesen Missstand sowie für eine bessere Nachsorge für psychisch Erkrankte ein. Er beklagt: „Etwa 76 Prozent aller wohnungslosen Patientinnen und Patienten haben eine psychiatrische Erkrankung.“
Aus dem Krankenhaus direkt ins Obdachlosenheim
Es sei sogar schon vorgekommen, erinnert sich der Arzt, dass eine Berliner Rettungsstelle einen Patienten, der nicht einmal eigenständig gehen konnte, mit einem Krankentransport direkt ins Obdach gefahren habe. Er betont: „Das, was uns psychisch gesund hält, ist ja auch die Wohnung, der Rückzugsort, der uns Schutz gibt, an dem wir entspannen können.“ Als „Knackpunkt“ hat Andreas Jung die Brücke zwischen stationärer und ambulanter Versorgung ausgemacht.
Der studierte Soziologe und Genesungsbegleiter beim Marburger Sankt Elisabeth Verein Oikos Sozialzentrum war in Folge einer psychischen Erkrankung selbst obdachlos. Heute engagiert er sich dafür, auf die Thematik aufmerksam zu machen und Lösungen zu entwickeln. Er fordert: „Es sollte Wohngruppen geben, es sollte direkt eine psychotherapeutische Versorgung stattfinden und vernetztes Helfen sollte neu gedacht werden.“
„Fragwürdige Gerechtigkeitsdebatte“
Erschwerend komme hinzu, dass das soziale Klima unter dem Deckmantel einer „fragwürdigen Gerechtigkeitsdebatte“ rauer geworden sei. Das kritisiert Henning Daßler, Professor für Gemeindepsychiatrie am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Fulda und Autor des Buches „Wohnungslos und psychisch erkrankt“. Dass die Situation rauer geworden ist, zeigen auch Einzelbeispiele selbst im institutionalisierten Hilfebereich. Der „Kölner Verein für Rehabilitation“ etwa kündigt zurzeit Erkrankten, die dort Wohnungen oder WG-Zimmer gemietet haben, wenn sie nicht zusätzlich Betreuende dieses Unternehmens in Anspruch nehmen. Das ist möglich, weil der Verein Betroffenen nur noch Mietverträge zubilligt, die innerhalb kurzer Zeit ohne Begründung gekündigt werden können. Auf eine KNA-Anfrage hin meldete sich die Geschäftsführung bisher nicht zurück.
Dass sich Lebenssituationen von Erkrankten bei wirklichem Engagement nachhaltig stabilisieren können, ist indes vielfach nachgewiesen. So wie bei Holger Schäfer: Er lebt inzwischen in einer Zweier-WG, erhält ambulant Betreuung und führt ein selbstbestimmtes Leben. So berät er andere Betroffene und leistet Aufklärungsarbeit:
„Mehr Einzelwohnungen für Betroffene und mehr Genesungsbegleitende, die selbst Psychiatrieerfahrungen gesammelt haben – das würde ich mir wünschen.“

