Psychisch krank und keine Wohnung

Viele Menschen mit einer psychiatrischen Erkrankung landen irgendwann in der Obdachlosigkeit. Das kann man verhindern, sagen Experten und erklären die Ursachen. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) nennt wichtige Eckdaten.

Warum ist es für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen so schwer, eine Wohnung zu finden?

Es besteht eine starke Wechselwirkung von psychischen Erkrankungen und sozialen Problemlagen, die sich gegenseitig ungünstig beeinflussen. Das sorgt dafür, dass dieser Personenkreis besonders betroffen ist, sagt Diplom-Pädagoge Henning Daßler, der an der Hochschule Fulda Gemeindepsychiatrie, Rehabilitation und Beratung lehrt.

„Auf einem Immobilien- und Wohnungsmarkt, der teilweise nur noch unmenschlichen kapitalistischen Regeln unterliegt, stehen Meschen mit einer psychischen Erkrankung auf der untersten Stufe, wenn es um Chancen für eine angemessene Unterkunft geht“, erklärt Stefan Gutwinski, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité. Er empfiehlt mehr staatlich geförderte Wohnungen in der Fläche. „Obdachlosenunterkünfte zu finanzieren, deren Standards nicht geprüft und wo Personen in Mehrbettzimmern für rund 40 Euro pro Nacht einquartiert werden, bieten den falschen Anreiz und kosten den Sozialstaat ein Vielfaches im Vergleich zu anderen Lösungen.“

Was könnten diese anderen Lösungen sein?

Im kanadischen Vancouver beispielsweise wurde ein staatliches Wohnmodell initiiert, bei dem die Wohnung für eine Person 500 Dollar pro Monat kostet. Sicherheitsdienste wurden nicht mehr benötigt, weniger Straftaten fanden statt und die dort Wohnenden mussten seltener in eine Klinik, sagt Gutwinski.

Was können Kliniken tun?

Sie sollten versuchen, niemanden in die Obdachlosigkeit zu entlassen. Gutwinski rät, darauf zu achten, dass sich die Institutionen untereinander gut abstimmen und nicht in Konflikte geraten.

Was bedeuten die sozialpolitischen Veränderungen, die zur Zeit geplant sind, für Menschen mit psychischen
Erkrankungen?

Die Debatte über die Grundsicherung etwa erzeuge eine Stimmungslage, nach der Betroffene eigenverantwortlicher agieren sollten, sagt Diplom-Pädagoge Daßler. „Dadurch, dass diesen Menschen etwa beim Zugang zu Leistungen der Eingliederungshilfe eine Bringschuld auferlegt wird, sie eine höchst komplizierte Sozialbürokratie mit umfangreichen Anträgen und Nachweisen bedienen müssen, werden aus meiner Sicht Hürden für den Zugang zu Unterstützungsmaßnahmen errichtet.“ Gerade schwer psychisch erkrankte Wohnungslose, seien nur begrenzt in der Lage, diese aufwändigen Anforderungen zu erfüllen – nicht wenige kapitulieren dann irgendwann.

Wie ist die Akzeptanz der Gesellschaft von Menschen mit psychischen Erkrankungen?

Daßler sagt: „In letzter Zeit zeigt sich wieder der besorgniserregende Trend, diese Menschen als hoffnungslose Fälle zu etikettieren, bei denen der Staat sowieso nichts mehr machen kann und es daher besser bleiben lassen sollte.“ Mit diesem Klischee müsse man aufräumen. Der Soziologe und Genesungsbegleiter beim Marburger Sankt Elisabeth Verein Oikos Sozialzentrum, Andreas Jung, sieht zudem „eine vergiftete mediale Debatte über psychisch kranke Straftäter hinzu, die alle Menschen mit einer seelischen Beeinträchtigung unter Generalverdacht stellt. Das verstärkt die hohe Stigmatisierung der Betroffenen.“

Was kann an Unterstützungssystemen verbessert werden?

„Kliniken und staatliche Hilfesysteme müssen stärker voneinander lernen, damit Menschen nicht völlig herausfallen oder nur noch versorgt werden. Diese Systeme sind im Grunde so, dass sie quasi alle in sich geschlossen sind und kaum den Ausweg nach ‚draußen‘ ermöglichen“, erklärt Jung, der selbst nach einer psychischen Erkrankung eine Zeit lang obdachlos war.

Er empfiehlt, Strukturen stärker ambulant zu organisieren. Etwa mit Klinikpersonal, das nach der Entlassung der Patienten mit nach draußen geht – etwa in ein ambulantes psychotherapeutisches Setting. Für Menschen mit einer psychotischen Erkrankung zum Beispiel sei es unglaublich schwer, Therapeuten zu finden. Sie würden oft ohne ausreichende ambulante Hilfe entlassen. Dann dauerte es nicht lange, und sie müssten wieder in die Klinik – ein „Drehtüreffekt“.